Eigentlich mag ich keine Austern (1)

Mädels, jetzt habe ich ein ganz besonderes Leckerli für Euch. Es folgt nun täglich je ein Teil eines Dreiteilers. Dieses Mal aus Ralfs Feder. Ich finde diese Geschichte so genial, dass ich sie Euch unbedingt auch einmal vorstellen möchte. Vielleicht mögt Ihr seine Austerngeschichte ja ebenso wie ich….

Eigentlich mag ich keine Austern, Teil 1 von 3

Hossegor, ein kleines Küstenstädtchen im Baskenland nahe der spanischen Grenze repräsentiert für mich den Atem der Freiheit. Natürlich kann es sich schon aufgrund seiner exponierten geographischen Lage nicht gänzlich dem Tourismus entziehen, aber verglichen mit den meisten anderen Urlaubsorten hat sich vor allem sein Umland doch noch einen Hauch von Ursprünglichkeit bewahrt. In dieser Gegend mache ich immer wieder gerne Urlaub, weil es mir bisher nur hier wirklich gelingt, meinen Alltag abzustreifen und meine innere Zerrissenheit für kurze Zeit zu vergessen. Seltene Momente der Ausgeglichenheit finde ich dann, wenn ich mit nackten Füßen über die sauberen Sandstrände gehen kann, um mich unmittelbar an den Rand der sich brechenden Gischt zu setzen und von dort aufs Meer hinaus zu sehen. Oder gelegentlich auch dann, wenn ich in einem kleinen Restaurant sitze, das in einem Ortsteil liegt, in dem man hauptsächlich Ortsansässige findet, und in das sich selten einmal ein Urlauber verliert, der kein Franzose ist.

Auf einer kleinen Wanderung hatten meine Freunde und ich durch Zufall dieses Lokal gefunden und beschlossen, dort eine Kleinigkeit zu essen. Ein kleiner dickbäuchiger Mann outete sich in bescheidener weise als Besitzer des Restaurants und stellte sich freundlich als Pierre vor. Freundlich und unaufdringlich bot er uns als Vorspeise Austern zu einem unglaublich niedrigen Preis an. In der näheren Umgebung gab es einige große Austernfarmen, sodass die Schalentiere fast überall auf den Märkten und in den Speiselokalen zum festen und kostengünstigen Angebot gehörten. Freundlich lehnte ich ab.

Eigentlich mag ich keine Austern!

“Du musst einmal im Leben eine Auster probiert haben”, sagte mein Freund, der im Gegensatz zu mir ganz gerne mal was Besonderes aß, wenn es denn sein Geldbeutel zuließ.
Ich schüttelte mich, aber unter seinem massiven freundschaftlichen Druck gab ich schließlich meinen Widerstand auf.
Heute weiß ich nicht mehr, wie ich es geschafft habe, dieses wabbelige Zeug über meine Zunge hinweg zu bugsieren und zum Gaumen zu führen. Ich weiß nur noch, dass es nach Atlantik schmeckte: kühl und salzig.
Der Geschmack war nicht zu unangenehm, doch dieses seltsame Gefühl im Mund ekelte mich und ich war sicher:

Eigentlich mag ich keine Austern!

Es war das erste und einzige Mal, dass ich eine Auster verspeiste. Einmal im Leben mußt Du …, hatte mein Freund gesagt. Und genau das hatte ich nun zum Glück hinter mich gebracht.

Gestern, etwa neuneinhalb Jahre nach dem damaligen Genuss dieser Auster in jenem wunderbaren kleinen Restaurant an der französischen Atlantikküste im Baskenland war ich zum Essen eingeladen. In ein feudales Fischrestaurant in Düsseldorf. Es war ausgesprochen gediegen, bezogen auf das Interieur, bezogen auf die gut funktionierenden Kellner und bezogen auf die dargebotene Auswahl an Speisen. Alles perfekt, sollte man meinen.

Dennoch hätte ich diesen Laden wahrscheinlich freiwillig nie betreten. Denn ich fühlte mich nicht wohl, von Kellnern bedient zu werden, bei denen ich vermutete, dass sich hinter ihrer von Erwartungshaltungen aufgezwungenen Steifheit eine Verlorenheit verbarg, die sich auch bei mir in solchen Momenten, in denen ich ausschließlich meinen beruflich gesellschaftlichen Pflichten nachkam, einstellte. Eine Pflichterfüllung, die meinen Tribut an meinen Selbsterhaltungstrieb bei annähernd 4 Millionen Arbeitslosen darstellt. Ich mag es auch nicht, mich zwischen Leuten zu befinden, mit denen ich nur zusammensitze, weil ich Ihnen geschäftlich nützlich sein könnte oder umgekehrt. Und es fällt mir auch schwer, Konversationen zu führen, die immer dann, wenn sie sich von geschäftlichen Themen weg bewegen, in eine niveaulose Diaspora abgleiten. Nicht, weil die am Gespräch Beteiligten dumm wären und keine intelligenten Sätze formulieren könnten, sondern weil sie keine Gespräche führen können oder wollen, die mich bewegen. Gespräche, bei denen von allen Seiten vermieden wird, gesellschaftliche oder politische Themen zu streifen, damit nur ja niemand auf den Gedanken käme, man hätte eine Meinung, die zu einer Dissonanz führen könnte und sich schließlich auf die Geschäfte auswirken würde.

Nein, das alles ist wirklich nicht meine Welt. Doch wenn man zu einem sogenannten Arbeitsessen eingeladen wird, bleibt einem in abhängigen Arbeitsprozessen verhafteten Angestellten zumeist nichts anderes übrig, als dem Ruf der Einladenden zu folgen. Und so saß ich dort gestern Abend mit zwei sich steif präsentierenden Herren zusammen, die dem Unternehmen, für das ich tätig bin, ein Produkt verkaufen wollen, von dem ich nicht weiß, wofür wir es gebrauchen können und bei dem sich die Frage stellt, wozu es überhaupt nützlich ist.

Aber ich prostete den gequält grinsenden Herren, die vielleicht genauso ungern wie ich an diesem Tisch saßen, mit einem Prosecco zu und dachte, dass das einzig Gute an diesem Abend sein würde, dass mein Hunger kostenlos gestillt würde. Ich ließ meinen Blick durch das Lokal schweifen und sah, dass trotz der überaus horrenden Preise – die aber in jedem Fall gerechtfertigt seien, wie mir die Herren kurz vor dem Betreten des Restaurants unaufgefordert versicherten – alle Tische besetzt waren.

Meine Augen verharrten für kurze Zeit am Nachbartisch. Vier Herren saßen dort. In jeder Hinsicht gewichtige Geschäftsleute. Das sah man ihnen an. An ihrer Haltung, an ihrer Kleidung und an der Art, wie sie mit den Kellnern umgingen. Die vier waren mindestens zwei Stufen eleganter als wir und sie fühlten sich mindestens vier Klassen wichtiger, als ich. Das merkte man ihnen an.

Ohne zuhören zu wollen, fing ich einige Wortfetzen des Gespräches auf. Von Umschiften von Aufträgen war die Rede, von Vergrößerung der Absatzchancen und davon, dass Umweltkatastrophen des einen Pech und des anderen Glück sind. “Tja, was so ein Tankerunglück doch so alles anrichten kann”, sagte einer lachend und prostete den anderen fröhlich zu.

Das Wort Tankerunglück ließ meine Gedanken zu den Nachrichten abschweifen, die ich vor wenigen Stunden im Radio gehört hatte. Es wurde berichtet, dass immer mehr von dem Öl, das seit Tagen aus einem vor der spanischen Küste gesunkenen Tankschiffes austrat, die französische Atlantikküste erreichte und verseuchte. Etwa 200 Kilometer Strand von der spanischen Grenze bis hin zu Arcachon seien bereits betroffen. Der Verkauf von Austern sei untersagt, da man noch nicht wisse, ob die aus den dortigen Zuchtbänken stammenden Schalentiere belastet seien. Die französischen Austernzüchter berieten zur Stunde, ob man Spanien wegen des aus ihrer Sicht fahrlässigen Umgangs mit der Tankerkatastrophe verklagen wolle…

Fortsetzung folgt

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