…den Inhalt der fünften Auster konnte ich nur noch mühsam mit einem großen Schluck Wein herunter spülen. Stand da noch die dritte Flasche vor uns, oder war es doch schon die vierte? In diesem Augenblick hatte ich jeglichen Bezug zur Realität verloren. Ich hörte das jetzt bedrohlich klingende Rauschen des Meeres und das schrille Kreischen der Möwen. Mein Magen begann nun auch bei geöffneten Augen zu rebellieren. War es die noch immer aufgestaute Wut, die ihn dazu veranlasste oder die heftige Mischung aus Meeresfrüchten und Weißwein? Es war schwer zu beurteilen.

Nur unter Überwindung größten inneren Widerstandes gelang es mir, die sechste Auster hinunter zu schlingen. In dieser Sekunde spürte ich, wie der feine Sand des Strandes unter meinen Füßen zu kleben begann. Ölklumpen breiteten sich kalt und eklig zwischen meinen Zehen aus. Das Meer spülte tote Fische mit glasigen Augen an den Strand. Und in einiger Entfernung humpelten ölverklebte Möwen vor mir her. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Der Strand war von schwarzen Ölbänken durchzogen und menschenleer.

Übelkeit breitet sich in mir aus…

Plötzlich war ich zurück in der Realität und sah die Kerle am Nachbartisch lachend und feixend große Stücke des vor ihnen liegenden Hummers verspeisen. Für mich waren sie in dieser Sekunde mitverantwortlich für das Unglück, das sich zur gleichen Zeit an diesen einstmals so wunderbaren Stränden in der Nähe von Hossegor abspielte. Auch, wenn sie nicht persönlich verantwortlich waren, aber nicht einmal das konnte man mit Sicherheit ausschließen, so hatte ich doch aus ihren Gesprächen heraus gehört, dass sie in irgendeiner Form profitierten. Und selbst wenn dieses nicht der Fall gewesen wäre, so war doch zumindest klar, dass sie die Katastrophe in keiner Weise belastete. Und allein dieses machte sie in diesem Augenblick für mich zu Tätern. Zu Mördern an Natur, Kultur und an unbefleckter Schönheit. Zu Zerstörern von persönlichen Schicksalen und Urlaubsfreuden.

Ich fühlte mich trotz der in mir brodelnden Übelkeit stark und mutig. Meine blöd glotzenden Tischnachbarn ignorierend, stand ich auf und wankte schwerfällig zum Nachbartisch herüber. Ich lehnte mich vornüber und stützte die Hände auf den Tisch.

“Ich will ihnen mal eines sagen”, begann ich meine Rede, die dazu führen sollte, die Arroganz dieser Typen zumindest temporär zu brechen und ihnen den restlichen Abend zu versauen.

Doch als ich den halb zerpflückten Hummer vor mir liegen sah, bekam ich plötzlich kein Wort mehr heraus. Mein Magen rebellierte so heftig, dass sich sein Inhalt, ohne dass ich noch eine wirkliche Chance zu Reaktion hatte, über den gesamten Tisch ergoss. Ich schloss die Augen weil ich mir nicht ansehen wollte, was ich angerichtet hatte. Nicht, weil es mir peinlich gewesen wäre, sondern weil ich mich dafür schämte, dem sowieso schon malträtierten Hummer auch das noch am Ende angetan zu haben.

Ohne weitere Reaktion kehrte ich zu meinem Tisch zurück, an dem zwei Herren saßen, die gerne unsichtbar geworden wären, um nicht mit mir in Verbindung gebracht zu werden. Sie stierten mich entsetzt an. Als ich in ihre Augen sah, waren meine Gedanken plötzlich wieder ganz klar. Ich zuckte die Schultern und sagte:

“Eigentlich mag ich keine Austern!”

Ohne weiteren Gruß verließ ich das Lokal. Ich hatte das Gefühl, dass der eiskalte Wind, der mir von allen Seiten entgegen schlug, meine Seele wärmte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich wieder so etwas wie Stolz in mir.

Vor etwa einer Stunde bin ich mit einem heftigen Kater aufgewacht. Ich weiß nicht, welche Konsequenzen mein gestriger Auftritt für mich haben wird. Aber es ist mir auch egal.

Ich weiß nur, dass ich diesen Sommer wieder in Hossegor Urlaub machen werde. Auch dann, wenn die Strände ölverpestet sind. Und sei es nur, weil ich mir den Grad meiner Sehnsucht nicht mehr von anderen diktieren lassen will. Und weil mir eines klar geworden ist:

Eigentlich mag ich Austern: Lebend und fernab jeder Speisekarte!

The End!

Ralf Theinert 2003