…alle diese kurz zuvor gehörten Sätze gingen mir durch den Kopf, während ich einerseits bemüht war, der spröden und langweiligen Konversation an meinem Tisch zu folgen, andererseits spürte, wie mir die im Kontrast zur Reichweite der gehörten Nachrichten stehenden Verhaltensmuster am Nachbartisch den Zorn in die Adern trieben.

Da saßen diese Katastrophengewinnler beim Genuss eben solcher Austern, die nur wenige hundert Kilometer entfernt grade vielleicht zu Millionen vernichtet wurden. Aber sie würden damit kein wirkliches Problem haben. Denn sie würden genügend Geld haben, sich in ein Flugzeug setzen zu können, um ihren Urlaub an einem der wenigen noch nicht Öl verpesteten Strände irgendwo in dieser Welt zu genießen. Sie könnten im Zweifelsfall in einen Hubschrauber steigen, um sich zu irgendeinem Restaurant an irgendeinem Ort der Welt fliegen zu lassen, wo sie sich den Genuss der frisch aus dem Meer geernteten Schalentiere zu Gemüte führen würden. Ich dagegen werde noch nicht einmal mehr eine vierzehnstündige Autofahrt an die fantastischen Strände der französischen Atlantikküste machen können oder wollen, weil diese ihren unbefleckten Reiz verloren haben.

Ich begutachtete die Weinkarte im schweren Ledereinband, die mir von einem Kellner im Pinguinkostüm gereicht wurde. Meine Gastgeber überließen mir die Wahl des Weines. Der einzige den ich kannte, war jener, der auf der Karte ganz oben stand und am wenigsten kostete. Es war ein Weißwein, den ich im Sommer 1993 mit meinen Freunden in jenem kleinen Restaurant in Hossegor getrunken hatte. Nur kurz flackerten kleine Erinnerungsfetzen an den lange zurück liegenden Abend vor meinem geistigen Auge auf. Sie verloren sich jedoch sehr schnell bei einem Blick auf die Gesichter meiner Tischnachbarn, die sich ganz offensichtlich um den Genuss eines teuren Weines, den sie nicht selber bezahlen mußten, geprellt fühlten. Doch der entsetzte Gesichtsausdruck der Beiden versteckte sich schnell wieder hinter den bekannten Freundlichmasken.

Während die Vorspeisenkarte gereicht wurde, hörte ich lautes Austernschlürfen am Nachbartisch. Ich wusste, dass der Kellner weder etwas für seinen Aufzug, noch für seine überkorrekte Haltung konnte, da er ja nur eine abhängige Marionette in diesem Theater war. Aber er steigerte den Grad der sich tief in mir aufbauenden Aggressivität, die zusätzlich von der einsetzenden Wirkung des Genusses des bereits dritten Glases Weins genährt wurde.

“Sechs Austern” war die erste Position auf der Vorspeisenkarte. Der Preis hierfür entsprach etwa demjenigen, welchem ich üblicher Weise für ein ganzes Menü auszugeben bereit war.

Eigentlich mag ich keine Austern!

Doch irgendwie muss mich der Teufel geritten haben. Ohne auch nur ein weiteres Gericht auf der Speisekarte eines Blickes zu würdigen, bestellte ich sechs der Meeresfrüchte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, dass die wichtigtuerischen Herren am Nachbartisch gerade Hummer serviert bekamen. Mir drängte sich ein Bild auf, das ich irgendwann einmal im Fernsehen gesehen hatte. Von einem Hummer den man zubereitete indem man ihn lebend in kochend heißes Wasser warf. Irgendwie passte das zusammen: dieses Bild der gequälten Kreatur umrahmt von konzentrierter Arroganz dieser gewissenlosen Geschäftemacher. Nicht, dass ich den Typen ein ähnliches Schicksal wünschte! Oder vielleicht doch? Es fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer, meine weingeschwängerten Aggressionen zu unterdrücken.

Inmitten der weiterhin gepflegten Nichtkonversation an unserem Tisch wurde mir meine Vorspeise gereicht. Ohne große Umschweife beförderte ich den Inhalt der ersten Auster in meinen Mund. Die beigelegten Zitronenstücke ignorierte ich, denn ich wollte den Geschmack pur erfahren. Sie schmeckte wie damals. Nach Atlantik: kühl und salzig! Plötzlich lief vor meinem inneren Auge ein Spielfilm ab, der mich neuneinhalb Jahre zurückversetzte, an jenen kleinen Ort in der Nähe der spanischen Grenze. Ich saß in dem netten französischen Restaurant inmitten meiner Freunde. Wir genossen den kühlen billigen Wein und spürten, wie er in unseren von Wanderung und Hitze ausgemergelten Körpern schon nach wenigen Schlucken eine sanfte Schwere auslöste.

Langsam schlürfte ich den Inhalt meiner zweiten Auster. Die sanfte Schwere, die uns umfasste, versetzte uns in eine euphorische Stimmung. Wir ließen noch einmal alle schönen Dinge die wir an diesem Tag erlebt und gesehen hatten, an uns vorbeiziehen. Einer schwärmte von den weiten sauberen Sandstränden, über die wir in Barfuß kilometerweit gelaufen waren. Ein anderer von den sich endlos lang hinziehenden Pinienwäldern, die sich über weite Strecken parallel zur Küste hinzogen. Mich selber beeindruckte am meisten der permanent in der Luft liegende Duft nach Pinien und Meer. Während des Erzählens und Schwärmens spürten wir noch einmal den feinen Sand unter den Füßen und schmeckten die salzgeschwängerte Luft.

Nachdem ich ein ganzes Glas Wein zwischen die zweite und dritte Auster in meinen Magen schüttete, machte ich mich an den Inhalt des nächsten Schalentiers. Pierre hatte eine Schallplatte von Edith Piaf aufgelegt. Die Musik war eindringlich und melancholisch und unsere Stimmung schlug um. Wir unterhielten uns über die Demonstration spanischer Fischer, in die wir einen Tag zuvor bei einem Tagesausflug nach San Sebastian hineingeraten waren. Sie protestierten dagegen, dass sie nach der Tankerkatastrophe in Nordspanien im Winter 1992 auch ein halbes Jahr später noch immer keine Entschädigung erhalten hatten. Wir waren erschüttert gewesen und als Pierre wieder an unseren Tisch kam, um uns eine weitere Flasche Wein zu bringen, fragten wir ihn, ob ihn die Katastrophe auch betroffen habe. Er schüttelte den Kopf. Für die spanischen Fischer sei das sehr schlimm gewesen, sagte er, aber Spanien sei Spanien und Frankreich sei Frankreich. “C´est la vie.” Schon damals war ich darüber entsetzt, dass Leid zumeist nur dann als solches empfunden wird, wenn es sich vor der eigenen Haustür abspielt. Hätte es Pierre ebenso wenig tangiert, wenn er gewusst hätte, dass auch Anfang 2003 noch nicht alle Betroffenen in ausreichendem Maße entschädigt worden waren? Und wenn er geahnt hätte, dass sich zum gleichen Zeitpunkt erneut in Nordspanien eine Katastrophe abspielte, die bis vor seine eigene Haustür gespült werden sollte?

Ich nahm meine Tischnachbarn nur noch schemenhaft wahr, während ich die vierte Auster verspeiste. Der Atlantik begann eine Spur zu kühl und zu salzig zu schmecken. Es war, als ob ich zu viel Salzwasser schluckte und sich der Ozean eisig in meinem ganzen Magen ausbreitete. Ich fürchtete mich davor, die Augen zu schließen, weil ich merkte, wie mich jenes Gefühl überkam, das mich immer dann befiel, wenn ich mich zuvor lange auf den schaukelnden Wellen im Meer bewegt hatte und danach mit geschlossenen Augen am Strand lag. Dann breitete sich ein Schwindel in mir aus und die Rebellion meines Magens war nur dadurch zu vermeiden, dass ich die Augen wieder öffnete…

Fortsetzung folgt…