…eigentlich wollte ich nur Brötchen holen und plötzlich stand ich mitten drin, im prallen Leben.

Gaby, seit vielen Jahren meine nette Nachbarin, kam vom Müll entsorgen die steile Kellertreppe herauf. Eigentlich sah sie auf den ersten Blick aus wie sonst, doch irgendetwas war anders. Sie wirkte angespannt. Rein äußerlich sieht Gaby immer aus, wie aus dem Ei gepellt. Ihre Haare liegen täglich so perfekt, als wenn sie gerade von einem Termin im Gard Haarstudio zurückkommt. Aber für sich selbst gibt sie nie Geld aus. Noch nicht mal für den Friseur.

“Guten Morgen Frau Nachbarin, wie ist die Lage?” rief ich ihr fröhlich zu. Sie trat einen Schritt näher und ich sah Tränen in ihren zutiefst traurigen, aber doch auch irgendwie hoffnungsvollen Augen. Ihr Blick sah nach einer starken Veränderung in ihrem Leben aus und mein Gefühl war so völlig daneben offenbar nicht.

Gaby flüsterte mir, kaum hörbar, ins Ohr: “ER zieht aus und ich bin, man darf es ja kaum laut sagen, heilfroh darüber!”

“ER”, damit ist ihr Sohn gemeint. Mitte zwanzig und faul wie Hulle. Gelegenheitsjobber von Beruf. Wenn er mal grad Lust hat, geht er arbeiten. Hat er keine Lust, bleibt er auch einfach mal den ganzen Tag im Bett liegen, ohne seinen Chef anzurufen. Meistens hat Kevin keine Lust.

Das Einzige was noch unkomfortabel für ihn ist, ist Mama. Warum nervt die Alte auch seit ewigen Zeiten, dass er doch noch einen “anständigen” Beruf lernt? Warum läßt sie ihn nicht einfach endlich in Ruhe?

Jeden Morgen von vier Uhr bis sechs trägt Gaby seit vielen Jahren die Tageszeitung aus, um noch etwas dazuzuverdienen. Es reicht sonst nicht für zwei und Kevin ist eben sehr anspruchsvoll. Sie muss sich beeilen, denn pünktlich um sieben wird sie in ihrem Vollzeit-Job bei einer Reinigungsfirma erwartet. Die Straßenbahn wartet nicht auf sie. Am Wochenende kellnert sie noch zusätzlich in der Kneipe um die Ecke um den hohen materiellen Ansprüchen ihres Sohnes gerecht zu werden. Die Eltern seines Freundes Mark lesen ihrem Spössling ja auch jeden Wunsch von den Augen ab. Voll normal eben. Diesen Satz hört sie schon seit Jahren von ihrem Sohn. Für sich selbst braucht Gaby nicht so viel. Wozu auch? Sie ist Mutter und es gibt wichtigeres im Leben als einen neuen Kajalstift…

Kevin ist ebenfalls immer top gestylt. Das Styling-Gen hat Mutti ihm offensichtlich vererbt. Nur lässt er sich das richtig was kosten. Kevin hats ja. Er trägt dauernd die neuesten Klamotten und hat das angesagteste Handy in seiner Rene Lezard-Hosentasche. Fast ausschließlich sponsert by Mama, versteht sich. Sein selbst verdientes Geld wird in den Diskos der Stadt mit immer wechselnden Mädels an seiner Seite verbraten.

Kevin liebt sein bequemes Leben. Mamas Essen schmeckt super, die Wäsche ist gewaschen und liegt ordentlich in seinem Kleiderschrank. Den Müll muss er schon lange nicht mehr runterbringen. Das macht seine Mutter brav wieder selbst, weil sie keine Kraft mehr für diese Endlosdiskussionen hatte. Hartnäckigkeit macht sich im Leben eben bezahlt, oder?

Kevin hat keine Lust auf einen festen Job und Mama hat plötzlich keine Lust mehr auf Kevin. Mama hat ihn rausgeworfen. Ihre persönliche Schmerzgrenze ist erreicht. Nun ist er allein zu Haus. Sie hat ihm ein Zimmer am Ende der Stadt besorgt, mit einer im Hausflur befindlichen Toilette. Das sind die günstigsten Unterkünfte für Gelegenheitsjobber. Zukünftig lebt er allein, ohne nervige Mama…aber mit vielen neuen Aufgaben…

Eure Bine