Ihr Lieben, es gibt Tage im Leben, die kann man sich gepflegt schenken, oder? Tage an denen man sich wünscht, am liebsten jemand anderes zu sein. Tage, die einem mal so richtig kräftig die Biografie vermasseln.

Vermutlich liegt meine Abneigung, in Bezug auf stressige Situationen, nicht zuletzt daran, dass man mit Ü50 einfach genügend davon erlebt hat und immer mehr die entspannten und unaufgeregten Momente des Lebens bevorzugt.

Mittlerweile bin ich jedenfalls immer extrem entzückt, wenn mal so gar nix Aufregendes passiert. Gemütlich in unserer ausladenden Wohnlandschaft lümmelnd, mit verträumtem Blick aus dem Fenster schauend, DAS kann mich heutzutage wahrlich glückselig machen. Einfach die Regentropfen zählen, die an das Fenster klopfen.

Tock, tock, tock! So mir das nicht auch auf Dauer zu nervenzerfetzend wird und ich mich lieber noch weniger hektischen Dingen zuwende. Wie schlafen oder so!

Ne, watt für andere Menschen die pure Langeweile bedeutet, wird immer mehr zu meinem persönlichen Lebenselexier:

R – u – h – e.

Deswegen kann ich auch überhaupt nichts mit dieser Art von Tagen anfangen, die einen heftigen Adrenalinschub so dermaßen begünstigen wie erst neulich bei meinem Arztbesuch.

Da ich aber weiß, dass andere Mitmenschen vor lauter Langeweile geradezu umkommen, möchte ich heute einen meiner verrückten Tage zum Tausch anbieten, bei denen meine persönliche Schwelle der Stresstoleranz auf sehr unangenehme Weise überschritten wurde.

Vielleicht kann jemand ja hier damit was anfangen? Jemand, der vielleicht auf der Suche nach ganz viel Action ist. Jemand, der beispielsweise Klippenspringen in Acapulco oder eine Runde am Yas Marina Circuit mit Lewis Hamilton in Abu Dhabi inspirierend findet.

Ich biete Euch also folgenden Tag zum Tausch an, Schneckschen: den 23. Februar 2017, und zwar ab ungefähr 8:15 Uhr morgens.

An diesem anfangs eher unscheinbaren Februarmorgen begab ich mich wegen eines kleinen Knubbels am Zeigefinger zu meiner Hausärztin. Umgehend bekam ich direkt mal eine Überweisung zum Chirurgen in die Hand gedrückt, mit der dringlichen Empfehlung, das Aufsuchen eines Spezialisten nicht mehr auf die lange Bank zu schieben. Mit diesem gutgemeinten Rat verließ ich ihre Praxis.

Manno, das hörte sich mal gerade nicht viel Gutes verheißend an. Also, flott zur nächsten ärztlichen Location, die mir zu diesem Zwecke ans Herz gelegt wurde.

In der Praxis des Facharztes für Chirurgie ist erst einmal Geduld angesagt. Setze mich also brav ins Wartezimmer zu den anderen dreiunddrölvzig Patienten und kralle mir die letzte Bunte vom Tisch.

Plötzlich höre ich einen heftigen Knall und schaue erschrocken von meiner Zeitschrift auf. Gleich mehrere medizinische Fachangestellte rufen aufgeregt und hektisch durcheinander: „Notfall! Wir haben einen Notfall! Herr Doktor bitte kommen Sie schnell!“

Ein Unglück kommt selten allein. Jetzt wird’s aber unruhig! Dummerweise liegt der Empfang ausgerechnet in meinem direkten Sichtbereich. Wartezimmer, kleiner Flur, Rezeption. Warum eigentlich bin ich immer mitten drin im Geschehen? Isch abe keine Ahnung!

Vielleicht, damit mir die Geschichten für uns niemals ausgehen, oder wie jetzt?

Ein junger Mann, ich schätze Ende zwanzig, ist gerade lang hingeschlagen und liegt bewusstlos vor dem Empfangs-Tresen. Seine langen Beine ragen bis in den kleinen Flur vor dem Röntgenraum.

Dunkelrotes Blut rinnt aus seiner sich gerade ins gelbbläulichviolett verfärbenden Nase auf den grauen sterilen Praxisfußboden. „Grau und rot harmoniert farblich irgendwie total schön zusammen“, denk ich noch so doof bei mir, “erinnert mich just in diesem Augenblick an unseren frisch renovierten Flur!“

Oh, mönsch Bine, reiß Dich gefälligst am Riemen und werd‘ mal wieder, dem Anlass angemessen, ernster! Jau, hast ja recht, liebes Gewissen, mach ich sofort wieder…tut mir leid, Gerry! So ist sein Name. Nein nicht der des Verunfallten sondern der meines Gewissens. Wir kennen uns gut!

Ne Kinners, da gehste wegen, was weiß ich, zum Arzt und kommst Stunden später angeschlagener als vorher nach Hause. Braucht doch niemand wirklich, oder?

Rechnet doch keiner mit so einem völligen Knockout bei einem so jungen Mann. Da kippt der einfach so um und dann knallt der Unglücksrabe auch noch volle Lotte mit dem Gesicht auf die Theke. Jesses, nach dem Röntgen war sein nächster Befund klar. Den bekam ich dann natürlich auch noch unfreiwillig mit: Satter Nasenbeinbruch!

Warum der Bursche primär in der Praxis war, weiß ich natürlich nicht. Bin ja nicht indiskret, woll? War eh schon too much Information und Aufregung für die paar Stunden. Puh, watt für ein Pechvogel! Der Arme!

Jau, und ich hab im Moment on top auch noch eigene Sorgen, was mir gleich wohl noch alles so blühen mag. Jedenfalls kein gutes Omen zum Einstieg, woll?

Dieser Zwischenfall dürfte zudem die Wartezeit noch weiter hinauszögern als bereits jetzt schon. Aber jut, ich will mich nicht beschweren, Ihr kennt ja mein Credo mit dem Steinbruch bereits, woll? Dort arbeiten ist bestimmt schlimmer!  Notfälle gehen selbstverständlich immer vor! Logisch!!!

Nach zweieinhalb Stunden bin ich dann endlich auch mal dran. Gut, dass der Lesezirkel-Vorrat und die Akkuleistung meines Smartphones ausreichte. Ablenkung tut in solchen Fällen immer Not. Da liest man sogar jede Seite akribisch in der Auto, Motor und Sport.

Meine unangenehme Diagnose lautet: Tiefliegende Zyste im rechten Zeigefinger. Leider wird es im Anschluss praktisch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Mit kurz Fingerken offenschneiden, Zyste mit Messerken rausschneiden und Pflästerken draufpappen, is nich. Dottore schaut auf: „Mmmh, da wird wohl ein größerer Eingriff notwendig sein, da muss ich richtig ran…Nicole, bereiten Sie in Raum zwo für die OP alles weitere vor….“

Wech kann ich jetzt nicht mehr, oder Kinners?

Dann geht auf einmal alles recht schnell. Zwei Betäubungsspritzen werden gezielt gesetzt und mein Finger fühlt sich ad hoc an wie ein prall gefüllter Heißluftballon.

Können Finger eigentlich bei sowas platzen? Ehe ich mich versehe, liege ich auch schon lang auf dem Operationstisch.

Meine Hand wird separat auf einem kleinen Beistelltischchen gelagert. „Liegen Sie bequem?“, fragt mich der Operateur und breitet sein Besteck genüsslich-penibel aus. YES! SUPER! Nie besser gelegen.

Ich antworte, mit einem leicht gequälten Unterton in der Stimme: „Jo, soweit okay, Doktor soundso, aber ich gucke Ihnen dann mal nicht direkt auf unsere Finger, ne? Sie machen das bestimmt besser ohne mich!“ Doc: „Alles klar, es reicht ja auch, wenn einer von uns beiden intensiver schaut!“ Gelächter auf beiden Seiten. Meines hört sich aber irgendwie ein klein wenig angespannter an. Chirurgen müssen schon ein wenig durchgeknallt sein, oder?

„Bei meiner allerersten Operation ist mir auch tatsächlich total übel geworden,“ erzählt der Mediziner lustig weiter, „aber das hat sich ja dann doch recht schnell gegeben.“

„Na gottseidank“, schießt es mir durch den Kopf, „wenn der mir jetzt währenddessen auch noch hier aus den Latschen kippt, hab ich aber ein echtes Problem anne Backe!“.

Unter der Operation erzähle ich der netten Arzthelferin und dem Médico dann mal eben von meinem einmaligen Erlebnis als Kurzzeit-Praktikantin (zwei Stunden) in einer Tierarztpraxis in Gelsenkirchen.

Wenn mich sonst keiner von dem Scheiß der da gerade passiert ablenkt, dann muss ich ja wohl selbst wieder mal ran, watt? Es geht doch nichts über eine gute Strategie, wie man aus so einer Nummer einigermaßen ohne psychischen Knacks rauskommt, oder Mädels?

Physischen Schaden kann ich nun leider nicht mehr abwenden, to late…

Meine Geschichte aus dem Jahr 1987, in der meine damals leidenschaftlichen Ambitionen beruflich als Tierarzthelferin zu agieren, direkt mal im Keim erstickt wurden, hab ich in Bines Thermi-Welt auch schon mal veröffentlicht. Damals durfte ich bei einer kleinen Operation des Pudels Hinterlauf halten, der an den Bändern operiert wurde. Was soll ich sagen? Fast wäre ich an diesem Tag ebenfalls lang hingeschlagen, wie der Knabe eben am Empfang. Schreckliches Gefühl.

Ne, da lob ich mir doch spannungslose Büroarbeit! Da is nix großartig aufregend, nix überraschend blutig, da is alles schön vorhersehbar. Meistens jedenfalls.

Nun denn, diesen behämmerten Februartag biete ich jetzt also zum Tausch an. Ich freue mich über jedes ernst gemeinte Angebot. Ich bin wirklich nicht wählerisch. Nur ruhig muss es sein. Ruhig und absolut ereignislos.

Eure Bine