Gibt es Schutzengel?

Ralf und ich hatten beschlossen unseren Urlaub in jenem Jahr in Frankreich zu verbringen. Die Schwester meiner Kollegin bot uns ihr Privathaus housesittingmäßig an und wir nahmen das, für uns erst einmal völlig ungewöhnliche, Angebot neugierig an. Zu unseren wenigen Pflichten gehörte während der Abwesenheit der Familie, die Fütterung der eigenen fünfköpfigen Hühnerfarm, die Pflege des Familien-Goldfisches und natürlich das regelmäßige Wässern des Gemüsegartens. Die Früchte, die er trug, durften wir natürlich auch ernten. Wunderbar. Was für ein Highlight. In diesem Urlaub hatten wir ollen Städter wirklich eine Menge Spaß mit unseren diversen landwirtschaftlichen Tätigkeiten.

Die Zeit verging wie im Flug und der Tag der Abreise kam. Auf dem Rückweg stand ein kleiner Abstecher nach Hossegor auf dem Programm. Hossegor, ein kleines Dorf zwischen Bordeaux und der spanischen Grenze. Wundervoll idyllisch gelegen. Direkt am Atlantik. Ralf kannte dieses Örtchen im Süden Frankreichs bereits seit vielen Jahren. Wie oft hatte er mir schon von dem wunderbaren Sandstrand und den endlosen Pinienwäldern vorgeschwärmt und ich war schon voller Vorfreude darauf, was mich an diesem Tag erwarten würde.

Nach einigen Stunden Autofahrt kamen wir an unserem Zwischenstopp an, parkten den Wagen in einer Seitenstraße und gingen zu Fuß in den kleinen malerischen Küstenort. Auf dem Weg stach uns beiden gleichzeitig eine große dunkle Oberklasse-Limousine ins Auge die am Straßenrand parkte. Es war ein exklusiver Rover, dunkelblau mit luxuriösen beigefarbenen Ledersitzen. Aufs Allerfeinste ausgestattet. Obwohl Ralf und ich uns normalerweise nicht wirklich für große Autos interessieren und eher dazu tendieren, den Grad der Arroganz des Besitzers am Kaufpreis des Wagens festzumachen, zog uns das Gefährt doch merkwürdigerweise auf Anhieb in seinen Bann. So, als hätten wir bereits eine dunkle Vorahnung, dass das Gefährt an diesem Tag noch eine größere Bedeutung bekommen sollte…

Kurz darauf erreichten wir den schönen Ortskern und gingen in eine kleine schnuckelige Pizzeria um erstmal ausgiebig zu lunchen. Anschließend stand ein Rundgang durch Hossegor auf unserem Programm. Wirklich ein traumhafter Ort. Ralf hatte nicht zuviel versprochen! <3 Irgendwann am späten Nachmittag kamen wir zum Abschluss auf die Idee noch einige Flaschen von unserem französischen Lieblingswein mit nach Deutschland zu nehmen. Kurz entschlossen kauften wir direkt eine ganze Kiste mit sechs Flaschen in einer Weinhandlung, die auf unserem Rückweg lag. Gut gelaunt verließen wir das Geschäft und Ralf trug die Flaschen das kurze Stück zum Wagen. Während wir noch herumalberten und in die Seitenstraße, in der unser Auto stand einbogen, hörte ich plötzlich direkt neben mir ein stumpfes Geräusch.

Ich erschrak heftig und wusste im ersten Moment gar nicht, was passiert war. Dann registrierte ich besorgt, dass eine der Weinflaschen den morschen Pappboden des Kartons durchschlagen hatte und mit einem lauten Knall auf die Straße gefallen war. Dort war sie dann wohl auf eine recht eigenartige Weise geborsten und ein großes Stück Glas musste ganz offensichtlich in die Höhe katapultiert und gegen Ralfs Unterarm geschleudert worden sein. Genau in diesem Moment sah ich das Blut, in unberuhigend großer Menge, an seinem Arm hinunter lief. Ich schaute auf die rote Flüssigkeit und sah ihn an. Er war kreidebleich und starrte, unter offensichtlich großen Schmerzen, erschrocken auf die tiefe Fleischwunde, die an seinem Arm klaffte.

Im ersten Moment war ich völlig überfordert mit der Situation und lief ein wenig kopflos zum Wagen um den Verbandskasten aus dem Kofferraum zu holen. Logischerweise hatten wir natürlich unser gesamtes Gepäck Koffer, Tüten und Taschen genau dort deponiert. Jo, und der Verbandskasten lag natürlich irgendwo darunter.

Mittlerweile etwas panisch wollte ich Ralf noch zurufen, dass es leider etwas dauern könne und drehte mich nach ihm um. Völlig erstaunt bemerkte ich in diesem Augenblick, dass sich bereits ein dunkelhaariger Mann um ihn kümmerte. Mit weichen Knien lief ich die paar Meter zum Unfallort zurück. Der Franzose, offensichtlich Besitzer des schicken Rovers, ging schnell zu seinem Wagen, öffnete die Klappe seines Kofferraumes und griff routiniert zu seinem Verbandskasten. Extrem ruhig und unglaublich besonnen. So, als wenn er genau auf diese Art und Weise schon hundertfach Menschen aus dieser Notlage geholfen hatte.

Innerhalb weniger Minuten war die tiefe Fleischwunde von dem Fremden, den wir noch niemals zuvor gesehen hatten, versorgt. So professionell hatte ich vorher nur Ärzte arbeiten sehen. Unfassbar.

Nachdem sich die erste Aufregung legte, bedankten wir uns mit unseren spärlichen Französischkenntnissen für sein selbstloses Handeln. Der Mann winkte nur bescheiden ab mit den Worten, dass seine Hilfe von Herzen komme und kein Dank notwendig sei. Dann nahm er wie selbstverständlich seinen Verbandskasten und ging mit einem Lächeln auf den Lippen fort. Noch etwas benommen verharrten wir einige Minuten am Straßenrand und verarbeiteten diese Schock-Situation. Nachdem wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten, gingen wir zurück zu unserem Wagen.

Der luxuriöse Rover und sein Besitzer waren nicht mehr zu entdecken. Verschwunden, innerhalb von wenigen Minuten. So, als wären sie nie da gewesen….

Seit diesem Tag bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob es nicht doch Schutzengel gibt….

Ich denke, mit diesem Erlebnis sind wir sicher nicht allein. Oder doch? Habt Ihr auch schon mal ähnlich verrückte Dinge erlebt?

Eure Bine

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